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  • Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch! … Weimar, 2026

    Brecht wusste schon 1941: Das Böse ist keine Naturgewalt, die kommt und geht. Es ist eine von Menschen gemachte Möglichkeit, immer wieder entstehend durch Gleichgültigkeit, die sich Pragmatismus nennt; durch Feigheit, die sich als Sachzwang verkleidet; durch die schleichende Bereitschaft, Mehrheiten anzunehmen, ohne zu fragen, wessen Stimmen sie formen; durch Sprache, die vernebelt statt benennt; durch Institutionen, die ihre eigene Schwächung verwalten — und es als Haushaltskonsolidierung verbuchen.

    Brechts Satz hat sein eigenes Leben geführt. Er wurde zur Parole, zum Buchtitel, zum Transparent auf Demonstrationen. Er hat sich so tief in das kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik eingegraben, dass er kaum noch zitiert, sondern nur noch erkannt werden muss. Das ist seine Stärke — und sein Problem. Denn wer ihn zu leicht in den Mund nimmt, entweiht ihn. Wer ihn ganz vermeidet, verleugnet, was er benennt.

    Dieser Essay wählt ihn trotzdem — als bange Frage, und als beklemmende Feststellung zugleich.


    Brecht hat gewarnt. Weimar hat abgestimmt.

    Am Abend des 18. März legte sich über den Sitzungssaal des Weimarer Stadtrats eine eigentümliche Stille. Keine eruptive Empörung, kein offenes Pathos — eher ein gedämpftes, fast routiniertes Nicken, mit dem ein Beschluss gefasst wurde, dessen Tragweite sich erst in der Verzögerung offenbart. Worte wie „Neuordnung“ und „Bürgerbudget“ glitten über die Tischplatten wie harmlose Verwaltungsbegriffe. Doch unter dieser glatten Oberfläche arbeitete etwas anderes: eine leise, aber spürbare Erosion. Mit der hauchdünnen Mehrheit von neunzehn zu achtzehn Stimmen wurde die vollständige Streichung der Mittel für das Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus beschlossen. Während draußen rund 400 Menschen im Protest verharrten, wurde drinnen ein Stück jener Brandmauer abgetragen, die man hier, am Ort der ersten deutschen Republik, für unantastbar hielt.

    Wer verstehen will, was hier zerbrochen ist, muss einen Moment bei der Sprache verweilen, die die Antragsteller wählten. CDU-Fraktionschef Jörg Geibert sprach von „Erbhöfen“, die es nicht geben dürfe, von einem „Bürgerbudget“, das künftig allen offenstehe, von Mitteln, die weiterhin für Demokratie, Bildung und Toleranz bereitstünden — bloß nicht mehr zweckgebunden für jene Zivilgesellschaft, die sie bislang verkörpert hatte. Es ist eine Meisterleistung technokratischer Entleerung: Das Politische wird ins Verfahren überführt, Konflikt in Verwaltungssprache übersetzt. Im Zentrum steht das beschworene „Neutralitätsgebot“ — weniger rechtliche Leitplanke als politisches Instrument, mit dem Engagement delegitimiert wird, das als zu eindeutig, zu unbequem erscheint. Das Neutralitätsgebot als Skalpell, das Bürgerbudget als Prothese. Dass das Freie Bündnis Weimar — eine Abspaltung jener Partei, die das Bürgerbündnis seit Jahren als Feind markiert — die knappe Mehrheit erst möglich machte, war kein Zufall der Arithmetik. Es war Gelegenheit, als Konjunktur erkannt und genutzt.

    Und dann ist da Dirk Slawinsky.

    Der SPD-Fraktionsvorsitzende hatte bis zuletzt verhandelt. Als er in der entscheidenden Abstimmung den Saal verließ, tat er es — wie er am Tag darauf erklärte — „ohne volles Bewusstsein über die Folgen“. Seine fehlende Stimme brachte die Mehrheit für die anderen.

    Am nächsten Tag trat er zurück — als Fraktionsvorsitzender und als Stadtrat.

    Es wäre billig, ihn zum Sündenbock zu machen. Slawinsky ist nicht der Täter dieser Geschichte, sondern ihr aufrichtigstes Opfer: ein Mensch, der in einem Moment menschlicher Überwältigung einen Fehler beging — und die Konsequenz zog, bevor jemand sie von ihm verlangte. Doch sein Abgang aus dem Saal bleibt als Bild stehen: ein leerer Stuhl, eine kippende Mehrheit: neunzehn zu achtzehn.


    Weimar ist kein Ort wie andere. Es ist ein Verdichtungsraum politischer Erinnerung — ein Experimentierfeld, auf dem die Versprechen und Brüche deutscher Demokratie sedimentiert sind wie geologische Schichten. Hier, wenige Kilometer vom Ettersberg entfernt, wo das Lager im Sommer seinen Rauch bis in die Stadt trug, wurde 1919 die erste deutsche Republik ausgerufen. Hier fand 1926 der erste Reichsparteitag der NSDAP statt; vier Jahre später ermöglichte Thüringen mit der Ernennung Wilhelm Fricks zum Innenminister die erste nationalsozialistische Regierungsbeteiligung auf Länderebene — eine frühe Zäsur, deren Mechanismus der Normalisierung des Extremen sich im Rückblick so deutlich abzeichnet, dass man kaum fassen kann, wie wenige das damals erkannten.

    Es offenbart sich hier eine tief sitzende Versuchung: die Musealisierung der Demokratie bei gleichzeitiger Lähmung ihrer heutigen Verteidiger. Demokratie wird als historisches Exportgut geschätzt, solange sie als Theaterspaziergang daherkommt und den Tourismus nicht stört. Doch wehe, sie wird unbequem, laut, parteiisch im besten Sinne — dann wird sie zum Kostenfaktor, den man sich nicht mehr leisten will.

    Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, wählte das Wort „fatal“. Er hatte es vor der Abstimmung gesagt, als Appell. Es wurde nicht gehört. Das Bürgerbündnis, erklärte er, sei kein Verein unter vielen — es sei eine Struktur, die das demokratische Gemeinwesen vor der Aushöhlung von innen schütze. Die Metapher der Aushöhlung ist präziser, als sie zunächst klingt. Erosion ist kein Ereignis. Sie ist ein Prozess — lautlos, graduell, und oft erst sichtbar, wenn das Fundament bereits nachgegeben hat.


    Was diese Lehren konkret bedeuten, lässt sich an einem Ort in der Ettersburger Straße ablesen. An einem Gartenhaus. An zwei Kindern.

    Die jüdische Gemeinde Weimars war nie groß. Rund hundert Menschen, nicht mehr, als die Nationalsozialisten 1930 erstmals in Thüringen an der Regierung beteiligt wurden — und sofort die Forderung nach einem „judenfreien Theater“ erhoben. Kein Pogrom, keine Hysterie. Ein Verwaltungsakt. Dann der Boykott der jüdischen Geschäfte, die Enteignung des Kaufhauses Tietz, die SA-Schilder an den Einfahrtstraßen. Schrittweise, bürokratisch, im Gewand der Ordnung. Am 31. Mai 1942 hielt ein Weimarer Regierungsrat einen Vortrag, in dem er erklärte, die jüdische Bevölkerung sei — er wählte die Worte „Gott sei Dank“ — bereits historisch geworden. Die letzten seien „mit dem nötigen Nachdruck abgeschoben“ worden. Das Bundesarchiv verzeichnet namentlich 62 jüdische Einwohner Weimars, die deportiert und ermordet wurden. Darunter zwei Mädchen aus Berlin, die kaum jemand gekannt hat.

    Elly Möller war keine Heldin im klassischen Sinne. Sie war eine Hausfrau in der Ettersburger Straße 33a, die das Gefährlichste tat, was man in ihrer Zeit tun konnte: Sie öffnete ihre Tür. Als Alice Löwenthal im Sommer 1943 mit Ruth und Gittel Süßmann, sechs und vier Jahre alt, durch Weimar irrte — auf der Flucht, ohne Ausweise, ohne Unterkunft — nahm Elly Möller die Mädchen auf. Sie wusste, wer sie waren.

    Zunächst versorgte sie die Kinder von ihren eigenen Lebensmittelrationen, forderte alles Entbehrliche von der Mutter der Mädchen. Dann meldete sie sie behördlich an — wohl um ihnen Lebensmittelkarten zu verschaffen. Unter falschem Familiennamen, aber mit echten Vornamen, echten Geburtstagen und der echten letzten Berliner Adresse. Es war dieser Meldebogen, der nach einer Denunziation die schnelle Identifizierung der Mädchen als jüdische Kinder ermöglichte. Am 10. August 1944 wurden Ruth und Gittel mit dem 58. Osttransport nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ruth war sieben. Gittel war vier.

    Elly Möller wurde 1984 von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt. Zu Recht — ihr Mut war real, ihre Zuneigung zu den Kindern unbestreitbar. Und doch: Hier zögere ich. Nicht weil ich ihr die Ehrung absprechen möchte — sondern weil die Geschichte mich zwingt, bei jener einen bürokratischen Handlung zu verweilen, die den Mädchen Brot sichern sollte und sie dem Staat auslieferte.

    Diese Geschichte ist kein Gleichnis über böse Menschen. Es ist ein Gleichnis über die Fragilität des Guten unter dem Druck eines bösen Systems. Elly Möller hat das Richtige getan — und dabei einen Fehler gemacht, der tödlich wurde. Nicht aus Gleichgültigkeit. Aus dem Versuch, das Unmögliche irgendwie ordentlich zu halten. Das Formular, das die Kinder schützen sollte, lieferte sie aus. Das System brauchte keinen Verräter. Es brauchte nur eine Akte.

    Heute heißt das Formular Neutralitätsgebot. Die Akte heißt Haushalt.


    Als Weimarer Autor, habe ich diese Geschichte zum Kern meines Romans Drei Liter Himmel gemacht. Ein Fünfzehnjähriger, der überleben will. Ein Garten am Stadtrand. Zwei jüdische Mädchen aus Berlin, die jemand versteckt hält, während vom Ettersberg der Rauch bis in die Stadt trägt. Es ist eine Geschichte, die nicht weit entfernt ist von dem, was wirklich geschah — denn was wirklich geschah, verlangt nach Sprache, nach Gesichtern, nach Namen.

    Ruth und Gittel Süßmann hatten Namen. Sie hatten Gesichter. Sie hatten eine Mutter, die bis zu ihrem Tod 1987 glaubte, sie im Stich gelassen zu haben.

    An dem Ort, wo sie eineinhalb Jahre lang lebten — im Gartenhaus in der Ettersburger Straße 33 — gibt es noch keine sichtbare Erinnerung, die ihren Namen trägt. Das soll sich ändern. Eine Gedenktafel soll dort angebracht werden. Ihr letzter Satz lautet:

    Dort endete ihr Leben. Hier beginnt unsere Verantwortung.

    Diese Tafel für zwei Mädchen, deren Namen in keinem Weimarer Stadtführer stehen, ist auch eine Antwort auf den 18. März 2026. Nicht laut. Nicht revolutionär. Einfach: beharrlich, leise, präsent.

    Was der 18. März 2026 bedeutet, lässt sich nicht an dreißigtausend Euro ablesen. Es lässt sich an der Frage ablesen, was eine Stadt ist, die sich Klassikerstadt nennt — und die dann, in einer knappen Mehrheit aus bürgerlicher Mitte und rechtem Rand, einer Organisation die Mittel streicht, deren einzige Aufgabe darin bestand, die Lehren aus der Geschichte eben dieser Stadt lebendig zu halten.

    Der Schoß ist fruchtbar noch. Weimar weiß das besser als jede andere Stadt. Die Frage ist nur, wer das Wissen hütet — und wer die Hüter finanziert.


    Uwe Rudnick, Weimar, März 2026