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Für den Vierjährigen klang der Deutsche Gruß wie »drei Liter«, und er sah ängstlich zur Regenwolke am Himmel – ein harmloses Missverständnis in einer dunklen Zeit.
Hirn-OP und Krieg hat er überlebt, doch die Erinnerung muss Flocke Splitter für Splitter zusammensetzen, als er im amerikanischen Militärlazarett erwacht.
Mit Zack sucht er Zuflucht im Garten am Stadtrand. Ein ungleiches Paar: er schmächtig, mit schiefer Hüfte — Zack Sohn eines SS-Offiziers, charismatisch und oft benebelt von Pervitin. Als Flocke der siebzehnjährigen Fiona begegnet, wird seine Welt für einen Wimpernschlag hell und leicht. Doch im Garten nebenan hütet Fiona ein gefährliches Geheimnis: zwei jüdische Mädchen aus Berlin.
Der Ettersberg liegt in Sichtweite, und wenn der Wind ungünstig steht, trägt er Rauch vom Lager bis in die Stadt.
Als die Schlinge sich enger zieht, bleibt den Jugendlichen nur ein verzweifelter Fluchtplan — und die Gewissheit, dass einer zurückbleiben muss.
Nach einer wahren Geschichte aus Weimar, 1944.
Uwe Rudnick · Drei Liter Himmel Roman · 336 Seiten · BoD, 2026 Preis: 17,00 €
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Leseprobe
Wasser ohne Perlen
––––•––––
Am Anfang ist da nur Knistern. Kein Feuer. Ein trockenes Prasseln, wie Sand, der über Blech scharrt. Ich begreife: Das bin ich – mein Atem. Ich versuche, die Augenlider zu heben, aber sie wiegen Tonnen. Licht sickert hinter meine Stirn. Es ist nicht weiß, eher so ein gelbliches Schimmern, das an alte Butter erinnert. Jemand reißt an meinen Lidern herum; ein Lichtstrahl fährt wie ein Dolch ins Gehirn. Lasst mich in Ruhe, denke ich. Sterben ist anstrengend, denke ich. Ich kneife die Augen zusammen, so fest ich kann.
Die Welt findet einen neuen Weg, strömt als Geruch in mich ein: Seife, Karbol, die Schärfe von Jod, darunter ein süßlicher Ton, der an überreife Äpfel erinnert, vielleicht ich selbst. Irgendwo stößt Metall gegen Metall. Ein Rad quietscht. Ein Summen – eine Fliege? Die Fliege ist wirklich. Sie fliegt gegen eine Fensterscheibe, summt, knallt gegen die Scheibe, wieder und immer wieder, bis ich mitzähle: eins, zwei, drei. Ich weiß noch, wie man zählt. Also lebe ich.
»Willst du trinken, Boy«, sagt eine Stimme, die meine Sprache spricht und sich trotzdem fremd anhört. Ein Tropfen fällt in mich rein. Die Zunge löst sich vom Gaumen. Noch ein Tropfen. Ich will nicken, schaffe es nicht. Es gluckert, als ich schlucke. Es ist, als würde jemand sehr langsam eine Kette mit Perlen durch meinen Hals und meine Adern fädeln.
Ich schaffe es, die Augen zu öffnen. Der Raum kommt als grelles Licht auf mich zu, die Kante des Bettgestells, die Konturen einer Deckenlampe, die Umrisse eines Fensters. Darin ein Stück Himmel, viereckig, gerahmt, und dahinter Grün. Blätter, die sich bewegen. Sommer, sagt mein Verstand.
Eine Hand legt sich auf meine Stirn. Kühl. Sie riecht gut. Ich weiß nicht, woher ich den Geruch kenne, aber ich weiß, dass ich ihn liebe – ein Duft nach reinem Schnee und frisch gewaschener Wäsche, ein luxuriöser Schleier über allem. Ich sehe eine Parfümflasche vor mir: Chanel N°5, fast leer, mit verschmutztem Glasstöpsel und vergilbtem Etikett. Woher kenne ich das? Die Stimme, die zur Hand gehört, reißt mich aus meinem Grübeln.
»Finally, he’s back!«, sagt die Stimme.
»Hällouh, wie ist dein Name?«, sagt die Stimme.
Wie bescheuert ist das denn? Wie ist denn mein Name? Er fällt mir gerade nicht ein. Ich versuche zu lachen, aber es kommt nur ein kratziges Röcheln.
Die Frau kommt näher. Ich sehe erst ihre Nase – leicht schief –, dann den Mund, schöne Lippen, ein Hauch Lippenstift. Darüber Augen mit Krähenfüßen, obwohl die Frau nicht alt ist. Der Mund sagt fünfundzwanzig, die Augen sagen: Ich hab schon alles gesehen. Unter ihrem weißen Kittel trägt sie eine Uniformbluse, der Kragen steht offen, eine dünne Goldkette hängt um ihren Hals. Ein winziges Kreuz. Als wäre Gott gerade knapp bei Kasse. In ihrer Hand ein Hitlerjugendausweis. Sie wedelt damit vor meiner Nase rum.
»Bist du das?«
Ich erkenne das Gesicht. So sehe ich also aus.
»Blink, wenn du understand me«, sagt sie und zwinkert übertrieben mit beiden Augen. Ihr Deutsch klingt, als hätte jemand ein Wörterbuch durch den Fleischwolf gedreht.
»Einmal blin-kön für Ja.«
Ich blinzle. Nicht, weil ich das so schlau finde. Meine Augen klappen sowieso dauernd zu und auf, wie kaputte Fensterläden.
»Gut. Dann ist die Schild klar, Karl-Leopold Schnee…« Sie guckt auf die Karte am Fußende. »Schnee-bergär. Wir mussten lange warten.«
»Wie lang …«, krächze ich. Die Stimme klingt, als hätte ich Schmirgelpapier im Hals.
Die Frau rückt noch näher, der Parfümgeruch ist kolossal.
»Ein Jahr, Mister Schneeboy. Die Nazis hat dich gehalten wie Schneewittchen. Aber kein Prinz ist gekommen für wake up. Du hast bald happy birthday. Sechzehn Jahre.«
Sechzehn. Gestern noch war ich fünfzehn. Zehn, als der Krieg begann. Sechs, als Blut aus den Ohren tropfte. Vier in Vaters Arm. Wo sind die Jahre?
»Wo …«
Mehr kommt nicht.
»Where you are?« Sie hilft sich selbst.
»Hospital.«
Sie spricht Weimar wie »Wi-mer« aus.
»Die Americans haben genommen die Stadt. Krieg aus. Now it is U-S Army Hospital.«
Pause.
»Du verstehst?«
Ein Teil von mir versteht, ein anderer nicht. Weimar. Hospital. Americans. Krieg aus. Ich denke an Uniformen, an Stiefel, an Zack. Zack? Wo kommt jetzt der Name her? Hat er Hitler doch noch erwischt? Bilder knallen aufeinander wie Billardkugeln, ändern die Richtung, verschwinden: Ein Mann in Uniform, sein Gesicht, ganz nah, irgendwas schreit. Dann weißes Licht, schwarzes Loch, nichts mehr.
Ich zucke zusammen. Oder bilde ich mir das nur ein? Mein Körper gehört mir noch nicht ganz.
»Easy, boy«, sagt die Frau und legt die Hand wieder an meine Stirn. »Alles gut. You are safe now.«
Safe. Das fühlt sich an wie eine Lüge und wie eine warme Wolldecke gleichzeitig.
»Wie … wie heißen Sie?«, flüstere ich. Es kratzt im Hals, aber das Wort ist da.
Ihre Augen werden groß, dann lacht sie.
»Aah, du kannst sprechen! Very good.«
Sie tippt sich gegen die Brust, dann gegen meine.
»Ich Mary, du Karl-Leoboy.«
Sie grinst, als wäre das ein Witz, den nur sie versteht.
»Nicht Karl-Leopold«, murmele ich. Die Worte sind schwer, aber sie wollen raus. »So nennt mich keiner.«
Mary kommt ganz nahe. »Wie dann?«
Wie dann, denke ich. Wie denn eigentlich? In meinem Kopf raschelt es. Im Garten ruft Rebekka nach mir: »Karlepold.« Rebekka? Meine Schwester? Ein Mädchen aus der Nachbarschaft? Jemand zischt »Schneeberger!« durchs Klassenzimmer. Eine Frau sagt »Karli«. Nichts davon passt.
Ich suche das Wort, an dem ich mich festhalten kann. Eines, das nicht nach Kirchenbuch klingt.
»Flocke«, sage ich schließlich. Es ist mehr Luft als Laut, aber Mary versteht.
»Flocke«, wiederholt sie langsam. Dann lacht sie. »Like snowflake. Passt. Mister Leoboy Snowflake.« Sie klatscht leise in die Hände, als hätte sie im Preisausschreiben gewonnen.
»Okay. Dann machen wir so. Aber in deine Papieren steht Karl-Leopold Schneeberger. Und die Army liebt Papieren.«
Sie zeigt mit dem Kopf zu einer Ecke des Zimmers, wo ein Stapel Akten auf einem Stuhl liegt.
Ich folge der Bewegung mit den Augen und merke erst jetzt, dass wir nicht allein sind. An der Wand steht ein Mann in Khaki-Uniform und schaut auf mich herab. Er hat die Arme verschränkt, die Ärmel hochgekrempelt, auf der Brust eine zweireihige Ordensspange. Er sieht müde aus. In der einen Hand hält er eine dünne Akte. Auf dem Deckel kann ich meinen Namen entziffern.
»So, that’s our kid bomber.«
Er sagt es leise, zu Mary, nicht zu mir. Aber ich höre das Wort. Bomber. Mein Bauch zieht sich zusammen. Ich warte, dass mehr kommt. Es kommt nichts.
Mary legt die Hand auf meine Schulter. Sie hat gespürt, was das Wort mit mir macht.
»Er sucht die Wahrheit«, sagt sie. »Akte ist small. Wir wissen wenig von dir. Manchmal das better so ist.«
Ich starre zur Decke. Die Lampe über mir ist rund und weiß und hat einen Haarriss im Glas. Durch das gekippte Fenster kommt ein Hauch Sommerluft, warm und staubig. Die Fliege ist wieder da. Sie setzt sich an die Scheibe, reibt sich die Beine und fliegt wieder los.
Flocke, denke ich. Ich bin Flocke. Fünfzehn, bald sechzehn. Im Krankenhaus. In Weimar. Die Amis sind da. Kein Vater, keine Mutter. Zack … ich weiß nicht. Fiona … Der Name schießt mir durch den Kopf, so plötzlich, dass mir schwindlig wird.
Ich öffne den Mund, um zu fragen, was passiert ist, aber es kommt nur eine einzige, lächerliche Frage heraus.
»Habt ihr … habt ihr vielleicht Wasser ohne Perlen?«
Brain’s tricky
––––•––––
Beim ersten Klogang ist Mary dabei. Natürlich ist Mary dabei. Sie tut so, als wäre das alles das Normalste der Welt.
»Okay, Mister Flocke«, sagt sie und zieht mir das Nachthemd hoch, als würde sie ein Paket auspacken. »Wir machen jetzt pipi business. You ready?«
Ich bin alles, aber nicht ready. Ich will verschwinden. Laken über den Kopf, die Zeit zurückspulen, bis ich wieder klein bin, in kurzen Hosen durch den Garten renne. Stattdessen sitze ich mit nacktem Hintern auf einem kalten Metallring, während eine fremde Frau aus Amerika auf meinen Schniedel starrt.
»Mary …« Meine Stimme ist dünn. »Kann ich nicht allein?«
Sie sieht mich an, als hätte ich einen besonders niedlichen Witz gemacht.
»Du kannst allein, wenn du nicht down from toilet kippst. Deal?« Sie dreht den Kopf zur Wand, kneift die Augen zusammen. »Ich dreh mein Kopf weg, du machst a number one. Okay?«
Ihre Hand liegt auf meiner Schulter, falls ich doch umkippe. Ich starre auf die Kachelwand. Jemand hat mit Bleistift ein Herz gemalt, drunter »Ruth« geschrieben. Die Buchstaben sind verwischt. Ich möchte »Fiona« drübermalen. Kann ich aber nicht. Weil ich versuche, den Strahl zu starten. Es dauert. Mein Körper traut dem Frieden nicht.
Als es endlich läuft, will es gar nicht mehr aufhören. Das Geräusch im Blechpott ist so laut, dass ich lachen muss. Es klingt, als würde irgendwo im Zimmer jemand Applaus klatschen.
»See?« Mary schaut immer noch zur Wand. »Everything works. Nur Gehirn braucht bisschen time.«
Gehirn. Schönes Wort. Mein Gehirn fühlt sich an wie die Stadt nach einem Bombenangriff: kaum eine Straße ist frei, die meisten brennen, überall liegt Schutt. Manchmal stolpere ich in einer Ecke über eine Erinnerung, doch kaum beginnt sich ein Bild zu formen, ist der Gedanke wieder weg, als hätte jemand das Licht ausgeschaltet.
Nach ein paar Tagen kommt ein Arzt mit einem Stativ. Er heftet zwei Röntgenbilder an und beleuchtet sie von hinten, klemmt sich eine Uhrmacherlupe direkt in die Augenhöhle und betrachtet die Aufnahmen, als säße er vor einer Schatzkarte. Bin ich das vielleicht? Sieht so mein Hirn aus? Warum sind da fünf weiße Flecken und auf der zweiten Aufnahme nur noch ein einzelner, wie ein vergessener Fliegenschiss? Schweigend kommt der Doktor zu mir ans Bett, betastet meine Kopfhaut wie ein kompliziertes Uhrwerk, das man vorsichtig wieder in Gang bringen muss. Er tippt mit seinem Stift gegen meinen Schädel, fährt den Hals entlang bis zum Oberarm, tippt wieder, als prüfe er die Reife einer Melone. Leuchtet mir in die Augen, schaut in die Ohren.
»Ein Splitter«, sagt Mary. »Sitzt tief. Aber Chirurg ist zufrieden.«
»Werde ich wieder … normal?«, frage ich.
Der Arzt zieht die Stirn kraus, wie jemand, der komplizierte Berechnungen im Kopf anstellen muss. Er legt mir kurz die Hand auf die Schulter, als wolle er gleich weiter zum nächsten Bett. Dann bleibt er doch noch stehen.
»We’ll see«, sagt er schließlich. »Brain’s tricky. But you’re young. That helps.«
Ich nicke. Was soll ich sonst tun?
Später, allein im Bett, betaste ich meine rechte Hand. Die Finger bewegen sich, aber langsam, als würden sie jemand anderem gehören, jemandem, der im Nachbarzimmer wohnt. Ich kann Daumen und Zeigefinger zusammenbringen, der Rest macht, was er will. Schreiben werde ich neu lernen müssen, das ist jetzt schon klar. Brain’s tricky. Splitter aus dem Hirn operiert. Wer weiß, was sonst noch Matsch ist, in mir.
Die Tage bekommen einen Rhythmus: morgens Fiebermessen, Puls, irgendwas spritzen sie mir, dann Toilettengang, Waschschüssel, Zähne putzen mit links. Mittlerweile schaffe ich es, allein aus dem Bett aufzustehen. Dann kommt die Krankengymnastik. Eine große Schwester, Arme wie jemand, der gerne Kisten schleppt. Ihre Haut ist so dunkel wie Sarotti-Schokolade. Wenn sie lacht, blitzen die Zähne kurz auf, als würde jemand eine Lampe anknipsen. Aber sie lacht nicht oft. Sie zieht mich hoch, stellt sich hinter mich, legt die Hände an meine Hüften. Ihr Bauch ist hart wie eine Wand, ihre Brust ein weiches Kissen. Durch das dünne Hemd spüre ich Wärme. Mir wird heiß, nicht nur im Gesicht.
»Step«, sagt sie.
Meine Füße gehören einem anderen. Der erste Schritt brennt, als würde jemand rostige Nägel in die Knochen schlagen. Die Knie schlottern. Sie presst mich fester an sich, damit ich nicht falle. Wir kämpfen uns vorwärts bis zur Fensterbank, Zentimeter für Zentimeter. Für sie nur eine Übung. Für mich eine halbe Weltreise.
Am Ende zittere ich so, dass ich mich setzen muss. Sie klopft mir auf die Schulter, wie man einen Esel lobt, der seinen Job gemacht hat.
Mein nächster Besucher ist der Brain Doctor. Er heißt Dr. Kannengießer. Ich kenne den Mann von früher, glaube ich.
»Ah, die Rolltreppe«, grinst er. Ich verstehe den Witz nicht.
Der Doktor platziert mich auf der Bettkante, zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich gegenüber. Er schlägt die Beine übereinander, ein Block auf dem Schoß. Schütteres Haar, die Brille etwas zu groß, als hätte er sie aus irgendeinem Kostümverleih. Er sieht mich an wie eine Matheaufgabe, die jemand unbemerkt ins Biologiebuch geschmuggelt hat.
»Also. Wir müssen dein Denken wieder in Gang bringen. Konzentration, Gedächtnis, Rechnen, Orientierung.«
Ich starre auf seine Schuhe. Blank geputzt. Ein Doktor, der Zeit zum Schuheputzen hat, kann nicht völlig beschissen sein. Trotzdem zieht sich alles in mir zusammen, als er fortfährt.
»Dein Gehirn ist jetzt ein sehr empfindliches Organ«, sagt er. »Teile erholen sich, andere vielleicht nie.«
Was will der Mann von mir? Will er mir erklären, dass ich jetzt für immer der Bekloppte auf Station bin, der guckt wie nach einem Volltreffer? Nicht mit mir. Ich bin okay. Ein bisschen wackelig im Kopf vielleicht, aber okay.
»Wir machen ein paar Proben«, sagt er. »Harmlos. Ich muss wissen, was du schon kannst und was wir üben müssen.«
Harmlose Proben. Wie im Chemiesaal, kurz bevor einem das Reagenzglas um die Ohren fliegt.
Er beugt sich vor. »Wie heißt du?«
»Karl-Leopold Schneeberger«, sage ich wie aus der Pistole geschossen. »Genannt Flocke, seit Kurzem.«
Das »seit Kurzem« rutscht mir einfach so raus. Da muss irgendwo in meinem Kopf ein inneres Register sitzen, das Namen und Zeiten sortiert. Karl-Leopold fühlt sich alt an, seit immer, Flocke eher wie ein Zettel, der später zwischen die Seiten geklemmt wurde – vor ein paar Wochen vielleicht, oder Monaten, so genau kriege ich es nicht zu fassen. Die Tage im Krankenhaus liegen klar vor mir wie ein sauber beschriebenes Kalenderblatt, aber über mein Leben davor scheint ständig jemand Rauch zu blasen. Nur manchmal schimmert was durch. Ich sage das dem Doktor, so gut ich kann, auch wenn mir selbst nicht ganz klar ist, was ich da eigentlich beschreibe.
Er hört zu, ohne mich zu unterbrechen, nur sein Bleistift zuckt manchmal.
»Hysterische Amnesie«, sagt er schließlich, mehr zu seinem Block als zu mir. »Mal schauen, ob sich das ordnen lässt.« Dann hebt er den Blick.
»Wo wohnst du?«
»Weimar, Marktstraße.« Ich schlucke. »… Ich wohnte da zumindest. Früher. Mit Vater. In der Nähe vom Rathaus.«
»Wie heißt die Straße am Weimarer Schloss?«, fragt er.
Ich sehe ihn an. Das ist doch Kinderkram. »Burgplatz«, sage ich. »Daneben der Fürstenplatz, das Reiter-Denkmal.«
Er nickt zufrieden und macht sich eine Notiz. Der Bleistift kratzt über das Papier. Quietscht fast.
»Erzähl mir was über deine Eltern.«
Es knistert in meinem Kopf.
»Lieselotte hat mich großgezogen«, sage ich leise. Ihr Gesicht ist verschwommen, aber der Name steht klar da, in schwarzer Tusche auf Büttenpapier. »Mein Vater …« Ich stocke. Die Erinnerung hinkt.
»Er heißt Egon, glaube ich.«
Ein Bild kommt: braune Uniform, Handschellen, ein Gartentor. Es riecht nach nasser Wiese und Angst.
»Er ist Polizist«, sage ich schließlich. »War Polizist?« Die Worte schmecken seltsam.
»Gut«, murmelt Kannengießer. »Wir kommen darauf zurück.« Er blättert. »Rechnen: Wie viel ist fünfzehn mal fünfzehn?«
Ich schließe kurz die Augen. Die Zahlen stolpern durcheinander wie Hitlerjungen auf dem Exerzierplatz, bis sie sich endlich in Reihe aufstellen.
»Zweihundertfünfundzwanzig«, sage ich.
»Gut«, sagt der Doktor. »Sehr gut.« Er legt den Bleistift beiseite. »Wir werden das täglich machen. Kleine Übungen. Ich zeige dir Bilder, du merkst dir Reihen, wir sprechen über früher. Damit auch die persönlichen Erinnerungen wieder hervorkommen. Aber du musst Geduld haben.«
Geduld. Das Wort drängt sich zwischen uns. Es klingt wie: Vielleicht bleibst du doch der Spinner mit der kaputten Hand. Ich sauge Luft ein. Mein Kopf ist in Ordnung. Alles ist da drin. Ich muss nur aufräumen.
»Wieso besucht mich eigentlich mein Vater nicht?«, frage ich plötzlich. Der Satz ist raus, bevor ich darüber nachdenken kann. Kannengießer schaut mich an, als hätte ich eine Tür aufgestoßen, hinter der nicht aufgeräumt ist. Sein Blick huscht zur Wand, zum Fenster, zurück. Sucht er einen Zettel mit der Antwort? Er scheint ihn nicht zu finden.
»Das ist … nicht so einfach«, sagt er langsam. »In den letzten Kriegstagen war viel Durcheinander. Viele Menschen waren … unterwegs. Verlegt. Dienststellen wurden verschoben.«
Er redet, als hätte er eine wunde Stelle im Mund, die er nicht mit der Zunge berühren will.
»Wo ist er? Wo ist mein Vater? Ist er …«
Meine Stimme bricht weg. Scheiße.
Der Doktor presst die Lippen zusammen, zieht sie wieder auseinander.
»Die Amerikaner haben nach ihm gesucht. In den Unterlagen der Stadt, in den Lagern, in den Krankenhäusern. Nicht mal seine Personalakte bei der Polizei konnte bisher gefunden werden.«
Er sieht mich an.
»Wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?«
Ich versuche nachzudenken. Bilder ploppen hoch, unsortiert: wieder der Garten, Stimmen durcheinander, irgendwo ein Motor, Handschellen, Vaters Gesicht, bleich vor Wut – oder ist es Angst? Meine Finger krallen sich in die Matratze. Aber plötzlich ist da noch ein anderer Gedanke.
»Am einundzwanzigsten Juli«, sage ich heiser. Meine Stimme klingt, als würde sie aus dem Gang kommen.
»Einundzwanzigster Juli Vierundvierzig. An meinem fünfzehnten Geburtstag. Einen Tag nachdem sie in den Zug gestiegen sind. Zack und Fiona. Gerda und Rebekka.«
Ich ringe nach Luft.
»Via Flensburg nach Dänemark, dann weiter nach Schweden. In Sicherheit.«
Es wird still. Nur draußen im Flur klappert ein Wagen vorbei. Ich merke, wie mein Herz schneller schlägt.
Dr. Kannengießer steht auf, schiebt seinen Stuhl zurück. Er nimmt ein Foto aus der dünnen Akte und kommt zu mir. Er hält das Foto zwischen Daumen und Zeigefinger, als wäre es eine Granate mit gezogenem Stift. Er schaut mich an. Nicht wie ein Doktor. Wie jemand, der überlegt, ob er einem Kind Bilder in den Kopf setzen darf, die es nie wieder los wird.
In meinem Bauch beginnt etwas zu kribbeln. Nicht angenehm. Eher so, als hätte jemand eine Handvoll Ameisen dort reingeschüttet.
»Gerda und Rebekka«, sagt er leise. »Sind das die jüdischen Mädchen, die ihr im Garten versteckt hattet?«
Er reicht mir das Foto. Mir wird kalt bis in die Fußsohlen. Das Bett unter mir schwankt. Jemand hat es ein Stück angehoben und lässt es jetzt wieder fallen. Mein Körper beginnt von der Kante zu rutschen, ich tauche ab in etwas Schwarzes. Das Foto liegt auf meinem Schoß, die Ecke knickt um, während ich nach vorne kippe.
Kannengießer ruft irgendwas. Seine Stimme klingt wie durch Watte. Dann nichts mehr.
Als ich die Augen aufschlage, liegt eine Decke über mir. Das Licht ist gelblich. Jemand hat die Vorhänge zugezogen. Ich liege auf dem Bett. Im Mund den Geschmack von rostigem Eisen.
Kannengießer sitzt neben mir auf einem Hocker, die Hände auf den Knien. Er sieht müde aus, älter als vorhin. Auf seinem Schoß liegt ein Stapel weiterer Fotos, die Vorderseite nach unten.
»Du warst ohnmächtig«, sagt er. »Nur kurz. Zwei, drei Minuten vielleicht.«
Ich starre an die Decke. Die Lampe dort oben hat immer noch den gleichen Haarriss im Glas. Jemand sollte das mal reparieren, denke ich. Dann denke ich: Gerda und Rebekka. Die Namen brennen in meinem Kopf. Ich möchte rennen, am liebsten weit weg. Und kann nicht.
»Ich erinnere mich«, sage ich leise. Meine Stimme klingt bröselig.
Kannengießer kommt ganz nahe. »An was?«
»An alles.« Das Wort klingt wie ein Würgen. »Fast alles.«
Und dann bricht es. Nicht langsam. Alles auf einmal.
»Wo sind sie?«, brüllt jemand. »Wo sind Gerda und Rebekka?«
Ich merke, dass ich es bin, der da brüllt. »Und die anderen?« Meine Stimme wird leiser. »Wo ist Fiona? Wo Zack?«
»Wir wissen es nicht«, sagt Kannengießer. »Die Amerikaner suchen. In den Akten, in Flensburg. Aber bisher …« Er verstummt.
Ich schließe die Augen. Sehe Fionas Gesicht vor mir, schmecke ihre Lippen, rieche Holz und reife Früchte. Zacks Hand auf meiner Schulter. Gerdas Wuschelkopf. Rebekkas dünne Stimme: »Der schönste Tag in meinem Leben. Und Mama kommt bald.«
»Sie müssen leben«, flüstere ich. »Sie müssen.«
Kannengießer legt mir die Hand auf die Schulter. »Wir hoffen es. Wir alle hoffen es«, sagt er.
»Hier sind noch mehr Fotos.«
Ich starre auf den Stapel in seiner Hand. Draußen im Gang klappert wieder ein Wagen vorbei. Die Fliege ist zurück, knallt – eins, zwei, drei – gegen die Scheibe.
Ich lebe.
Aber wofür?
Sie haben wirklich gelebt
Dieser Roman erinnert an Ruth und Gitti.
Ruth Ellen Süßmann wurde am 21. November 1937 in Berlin geboren. Ihre Schwester Gittel kam am 7. September 1939 zur Welt.
Die Mutter Alice Löwenthal, geborene Silbermann, tauchte am 28. Februar 1943 mit ihren beiden Töchtern unter. Alices Ehemann Adolf Löwenthal war zwei Tage zuvor im Zuge der sogenannten Fabrik-Aktion deportiert worden.
Im Juni 1943 brachte Alice die Kinder nach Weimar und begegnete Elly Möller. Die kinderlose Hausfrau, bei der 1944 noch eine Pflegetochter wohnte, war bereit, die Mädchen in ihrem Gartenhaus aufzunehmen.
Sie wurden am 15. Juni 1943 unter falschem Familiennamen bei der Weimarer Meldestelle registriert.
Im Sommer 1944 wurde die Berliner Gestapo auf die Kinder aufmerksam. Ruth war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt, Gitti vier.